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Wie der Verein Leben in den Ort Mösthinsdorf bringt und Abwanderung junger Menschen verhindert

Mösthinsdorfer Heimatverein e. V.

Ein bisschen wirkt es so, als hätte sein Tag deutlich mehr als 24 Stunden. Obwohl Ronny Krimm als Referent für Arbeits- und Gesundheitsschutz der Telekom in Bonn viel zu tun hat, macht er mindestens noch einen Zweitjob, eigentlich mehr. Und zwar schon seit 21 Jahren. Er hat seinen Heimatort Mösthinsdorf vor dem Aus gerettet. Natürlich nicht allein, würde Ronny Krimm jetzt sagen, aber einer muss ja den Anfang machen, und das war ganz klar er.

1999 war Mösthinsdorf, eine 300-Seelen-Gemeinde im Saalekreis gleich neben dem Petersberg und unweit von Halle (Saale), an einem gesellschaftlichen Tiefpunkt angelangt. Keine Vereine, keine Veranstaltungen, keine Einkaufsmöglichkeiten, kein Arzt, kaum öffentlicher Nahverkehr, für junge Menschen keine Optionen, um auf dem Land zu bleiben. Damals war Ronny 19 Jahre jung und beschloss: Das muss sich ändern.

Er machte einen Aushang im Ort, wer mit ihm wieder neues Leben nach Mösthinsdorf bringen möchte. 15 Leute haben sich daraufhin gemeldet. Zusammen haben sie den Mösthinsdorfer Heimatverein e. V. gegründet. Das war am 27. Oktober 1999. Das hört sich zunächst nicht spektakulär an, was aber daraus wurde, ist es durchaus.

Noch im selben Jahr gab es ein Weihnachtskonzert in der Kirche. Im Jahr darauf feierte der ganze Ort bei einem Osterfeuer zusammen und im Sommer gab es wieder ein großes Heimatfest. All das gibt es seitdem jedes Jahr. Das Leben kehrt nach Mösthinsdorf zurück. 

Immer voran Ronny Krimm. Er redet mit allen im Dorf, fragt nach, worauf habt ihr Lust? Sobald es eine Idee gibt, werden Aufgaben verteilt, alle einbezogen, und irgendwann gibt es ein Ergebnis, das alle zusammen feiern.

„Man muss schon eine gewisse Verrücktheit, Enthusiasmus und Heimatliebe mitbringen“, lacht er die Anstrengungen weg, die seine Aktionen mit sich bringen. „Der Verein ist für mich nicht Arbeit, sondern einfach eine schöne Aufgabe, die mir eher Energie gibt als nimmt.“

2007 schreibt er ein Konzept, um eine Bürgerarbeiterin im Ort beschäftigen zu  können. Es funktioniert. Ein finanziertes Sozialprojekt für drei Jahre steht. Die Bürgerarbeiterin Bettina Sudhoff kümmert sich um die, die Hilfe brauchen,  wo es keine Familie gibt, indem Sie Ihnen bei bestimmten Wegen zum Arzt oder Einkaufen unter die Arme greift oder einfach nur mal als Ansprechpartnerin oder als Begleitung für einen Spaziergang zur Verfügung steht. „Gemeinsam statt einsam“ ist nicht nur der Projekttitel, sondern wird hier gelebt.

Aus dieser komfortablen Situation heraus, entsteht auch die Bastelgruppe.  

Jung und Alt treffen sich in der Vereinsbaracke. Einfach ein fester Termin, um zu reden, zu lachen und neue Ideen zu entwickeln.

Ronny Krimm ist immer irgendwie dabei und motiviert die, die Motivation brauchen, um Visionen umzusetzen. Sein Engagement trägt Früchte. Die Dorfbewohner bringen sich hier nicht mehr nur mit Worten, sondern auch mit Taten ein. Mittlerweile steht kein einziges Haus mehr leer. Junge Familien siedeln sich an, es wird sogar wieder neu gebaut. Die Lebendigkeit dieses Ortes trägt sicher ihren Anteil dazu bei. Inzwischen kommen auch Menschen aus umliegenden Ortschaften zu den Veranstaltungen. Netz-werke entstehen. Man hilft sich völlig selbstverständlich gegenseitig. 

Mösthinsdorf – ein Ort mit eigener Hymne

Zum 10-jährigen Jubiläum komponieren die Mösthinsdorfer ein eigenes Lied. Text und Komposition stammen aus der Feder von Norbert Schalipp. Dann kommt die Idee mit dem Chor. Denn wer könnte die eigene Hymne schöner singen als sie selbst? Den ortseigenen Chor gibt es nun seit mehr als zehn Jahren. „Leider haben wir dort Männermangel“, lacht Ronny Krimm. „Nur zwei Herren sind dabei und 23 Frauen“.

Die Ortskirche St. Georg wird als Rast- und Konzertkirche genutzt. Mindestens einmal im Monat gibt es dort eine große Veranstaltung. Im Kirchturm soll ein Lesecafé entstehen. Immer wieder gilt es, Förderanträge zu stellen, um zum Beispiel die Kirche zu sanieren und zu gestalten. Weit über ein halbe Million Euro konnten dafür schon verwendet werden.

„Ich habe auch schon ans Aufgeben gedacht“.

Doch natürlich gab es auch Rückschläge, die selbst Ronny Krimm in die Knie gezwungen haben.

„2008 ist die Vereinsbaracke abgebrannt, da habe ich auch schon ans Aufgeben gedacht“, erinnert er sich. Das hat er aber dann doch nicht gemacht, sondern die Ärmel hochgekrempelt. Wieder hat er Anträge gestellt, Finanzierungsmodelle entworfen, Fördertöpfe angezapft, sich mit den Behörden auseinandergesetzt, und siehe da: Jetzt gibt es ein richtiges Vereinshaus! „Eine Perle, die uns noch mehr zusammengeschweißt hat“, sagt er.

Ein neues Vereinshaus bringt die Leute noch näher zusammen.

„Wir liegen hinter dem Petersberg, da ist es schon schwierig, die Fahne auch so hoch zu halten, dass wir noch gesehen werden“, sagt Ronny Krimm und meint damit voller Stolz, dass es dem Heimatverein und dem KULTURhaus Mösthinsdorf sehr wohl gelungen ist, gesehen zu werden.

Inzwischen gibt es längst nicht mehr nur 15 Vereinsmitglieder, sondern 120, und Ronny Krimm beschäftigt sich auch mit dem Gedanken, Verantwortung abzugeben. Vielleicht an die, die so wie er mit 19 Jahren gerade dabei sind, sich voller Verrücktheit und Enthusiasmus ihre Welt nach eigenen Ideen zu gestalten. Auf dem Land, abseits der Stadt. In der Natur, in einer großen Gemeinschaft.

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