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Zurück zu den Wurzeln

Warum manche Menschen niemals auf ihren Garten verzichten möchten

Sie spricht mit ihren Pflanzen, lobt sie oder schimpft auch manchmal mit ihnen. Christin Petzold hat schon im Alter von vier Jahren angefangen zu gärtnern. Sie ist damit groß geworden. Ihr Mann Maik auch. Seit elf Jahren sind die beiden nun stolze Pächter einer 400 Quadratmeter großen Gartenparzelle im Harz zwischen Rieder und Ballenstedt mit sensationellem Ausblick auf den Brocken. „Traumhaft schön“, sagt Christin Petzold. Und ihre drei Kinder werden eben auch in einem Garten groß. Die Geschichte wiederholt sich.

Mutter, Vater, drei Kinder und ein Gartenreich

Jede freie Minute verbringen Maik (45) und Christin (40) mit ihren Kindern Karl (16), Alexander (8) und Katharina (6) in ihrem Hochbeetgarten. Sie wohnen in Quedlinburg und haben sich ganz bewusst für ihre kleine grüne Oase etwas außerhalb der Stadt entschieden. Die Kinder werden mit und in der Natur groß. Sie wissen, wie viel Aufwand und Zeit nötig sind, bis sie eine Erdbeere pflücken oder ein Radieschen aus der Erde holen können. Wie Kräuter und Blumen duften und dass man auch Verantwortung durch Gießen und Unkraut-Zupfen übernehmen muss, das braucht ihnen niemand mehr zu erklären. Außerdem ist direkt neben ihrem Garten ein Spielplatz. Keine Straße dazwischen, keine Autos, die Gartennachbarn untereinander kennen sich – jeder achtet auf jeden, im positiven Sinne.

Karl hat mit seinen 16 Jahren nicht immer Lust auf Garten. „Das ist total o.k.“, sagt seine Mutter. „Aber wenn es etwas Aufwendigeres zu tun gibt, dann ist er immer bereit. Außerdem hat er ein Faible für`s Fotografieren. Schon deshalb kommt er doch noch recht häufig mit.“ 

Die Kinder wachsen im Garten auf

Alexander und Katharina sind von kleinauf im Garten gewesen. Sie haben beide als Babys unterm Kirschbaum im Kinderwagen gelegen und haben die Blätter rauschen gehört und beobachtet. Hier haben sie laufen gelernt und lesen und schreiben. Sie haben viel Platz zum Toben und Spielen. „Sie bauen sich aus Stöckern Tipi-Zelte oder schaukeln stundenlang“, schwärmt Christin. „Sogar kleine Verpflichtungen wie Gießen sind für die beiden Spiel und Freude“.

Totale Entschleunigung und grüne Therapie

Jeder Tag im Garten ist für die Familie so etwas wie ein kleiner Urlaub. „Für mich ist das die totale Entschleunigung und hat etwas Therapeutisches“, sagt Christin. „Wenn wir nach einer stressigen Arbeitswoche völlig abgespannt hier ankommen, fällt die Anspannung einfach von uns ab. Dabei liegen wir gar nicht so oft in der Hängematte mit einem Buch, sondern haben eigentlich auch immer zu tun. Schon wenn ich darüber erzähle, entspannt mich das“, lacht sie. Die Erholung sei einfach da, obwohl der Garten zu zwei Dritteln aus einem Nutzgarten besteht. Das heißt, dort werden Obst und Gemüse angebaut. Das ist auch Arbeit.

Christin Petzold hat ihr Hobby zum Beruf gemacht. Sie ist nach ihrer Ausbildung zur Gärtnerin Gartenbau-Ingenieurin geworden. Ehemann Maik ist Landschaftsarchitekt. Mit ihrer Erfahrung und ihrem Wissen stehen sie auch allen anderen Gartenfreunden zur Seite. Ganz bewusst haben sie sich für einen Platz im Vorstand ihres Gartenvereins entschieden. Als Last sehen sie ihre ehrenamtlichen Ämter überhaupt nicht. Im Gegenteil. Sie freuen sich, wenn sie mit anderen ihr Hobby teilen können. In der Corona-Zeit haben sie beide so viel Zeit in ihrem Domizil verbracht wie noch nie. „Mein Mann und ich haben tolle Arbeitgeber. Wir konnten sehr viel im Homeoffice arbeiten und hatten auch Zeit für die Kinder, das war echt sehr schön.“

Der Trend geht wieder zum Garten

Aber auch andere junge Familien haben sich in der Gartensparte ein P(r)achtgrundstück ergattert. Während der Corona-Zeit war der Ansturm auf freie Gärten extrem hoch. Doch auch allgemein geht der Trend eindeutig wieder zum Kleingarten. In ihrem Verein gibt es zwar noch freie Grundstücke, aber nur noch wenige und die sind ohne Gartenlaube.

„Unser jüngstes Vereinsmitglied mit eigenem Garten ist gerade einmal 18 Jahre alt“, erzählt die 40-Jährige. „Die Eltern sind – na klar! – auch passionierte Gärtner.“

Auch Olaf Weber, Geschäftsstellenleiter vom Landesverband der Gartenfreunde, bestätigt diesen Trend. „Gerade junge Familien entdecken den Kleingarten wieder für sich. Bei ihnen sind die kleinen grünen Paradiese ein Refugium, bringen den Kindern die Natur nah und werden auch für einen Teil des immer teurer werdenden Urlaubs genutzt.“ In der Sparte in Rieder kostet das 400-Quadratmeter-Grundstück mit Laube zum Beispiel rund 200 Euro jährlich für Pacht, Strom und Wasser.

Im ländlichen Raum sollen die Kleingartenanlagen die Übergänge zwischen den gebauten Siedlungen und dem Umland als sogenannte Grüngürtel gestalten und der aktiven Erholung dienen.

Nachbars Garten – mehr Gemeinschaft im Kiez

In der Altmark zum Beispiel, startet im Rahmen eines Bundesprogramms „Demokratie leben!“ das Projekt „Nachbars Garten – mehr Gemeinschaft im Kiez“ des Mehrgenerationenhauses in Salzwedel.  Mitten in einem Wohngebiet entsteht dort ein Garten, der den Anwohnern als Treffpunkt dient und gleichzeitig dazu einlädt, mitzugärtnern. Das Areal soll dann ein Gemeinschaftsbeet sowie kleine Parzellen haben,  die in Patenschaft genommen werden können.

Keiner muss allein sein. Der Raum für Kommunikation ist einfach da. Ein Konzept, dass vom Landesverband der Gartenfreunde unterstützt wird, damit es Schule macht.

Wichtiger Lebensraum für viele Tiere

Hinzu kommt, dass in der Kleingartenanlage bei den Petzolds Igel, Blindschleichen, Erdkröten, Eidechsen und viele seltene Insekten ihren Lebensraum haben. Das freut die ganze Familie. Die Gartenbau-Ingenieurin schwört auf ihre Nützlingspflege. „Ich bin ein Fan von Naturgärten und da gehört es dazu, Lebensräume für Tiere zu erhalten und zu schützen.“ Pflanzenschutzmittel kommen bei ihr überhaupt nicht zur Anwendung und trotzdem wächst und gedeiht fast alles. „Und wenn nicht, bespreche ich das auch mit meinen Pflanzen und wir finden eine andere Lösung“, witzelt sie.

Und wenn sie sich etwas wünschen dürfte, würde sich Christin Petzold für sich und ihre Familie vor allem wünschen, dass alles so bleibt, wie es ist: ihr Leben zwischen Vollzeit-Arbeit, ihrem Mann und ihren drei Kindern und dem schönsten Ort der Welt – ihrem Garten.