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Neue Impulse für den ländlichen Raum

Netzwerk Stadt-Land soll Wissens- und Ideenbörse sein

Von Wilfried Köhler

Nach langer Vorarbeit ist am 14. August das „Netzwerk Stadt-Land“ in der Dorfscheune in Wellen gestartet. Etwa 150 Gäste waren der Einladung des Ministeriums für Umwelt, Landwirtschaft und Energie gefolgt, um ihr Interesse an der Stabilisierung und Stärkung der ländlichen Räume in Sachsen-Anhalt zu bekunden.

Umweltministerin Prof. Claudia Dalbert äußerte in ihrer kurzen Eröffnungsrede die Hoffnung, dass mit dem neuen Netzwerk ein „Forum für den Austausch entsteht, das Impulse für die Entwicklung des Landes gibt“. Damit der Auftrag des Grundgesetzes nach gleichwertigen Lebensverhältnissen mit Leben erfüllt werden kann, brauche es neue Antworten und neue Anstöße.

Deshalb sollen ressortübergreifende, integrierte Ansätze entwickelt und mit erheblicher finanzieller Unterstützung in den nächsten Jahren Wettbewerbe ausgelobt werden, die innovative Ideen hervorbringen.

Wie das hehre Ziel erreicht werden kann, erläuterte Hermann Josef Thoben von der Akademie für ländliche Räume e. V. aus Schleswig-Holstein.

Er verwies auf 200 Mitglieder in seinem Netzwerk mit einer kleinen Geschäftsstelle, die sich jedes Jahr mit einem anderen Thema intensiv beschäftige und Vorschläge für die Landesregierung und die Kommunen erarbeite. In Sachsen-Anhalt will das neue Netzwerk unter Federführung der Landgesellschaft Sachsen-Anhalt „Studien und kleine Maßnahmen“ fördern, die durch das Netzwerk angestoßen oder befürwortet werden. Als Leiterin der Geschäftsstelle stellte Dr. Cornelia Häfner die inhaltlichen Schwerpunkte vor, die nach ihrer Auffassung besonders dringlich bearbeitet werden sollen.

Als Stichworte nannte sie „chancenorientierte Demografie, Daseinsvorsorge und Mobilität, neue Betreibermodelle der Grundversorgung, dezentrale Wertschöpfungsketten, Energiewende, ländlicher Wegebau und die Erhaltung alter Bausubstanz“. Eine eigens geschaffene neue Förderrichtlinie soll dafür die Wege ebnen.


In der vom Geschäftsführer der Landgesellschaft Dr. Willy Boß moderierten Veranstaltung gab es auch kritische Töne zum vorgestellten Konzept. So forderte die Bürgermeisterin der Gemeinde Salzatal, Ina Zimmermann, dass sie dringend finanzielle Unterstützung für die Umsetzung von Projekten brauche und nicht neue Studien. Gerade arme Gemeinden hätten oft nicht das Geld für die Kofinanzierung. Eine 100%-Förderung, wie sie im Netzwerk Stadt-Land vorgesehen sei, wäre hier sehr hilfreich.

Die Mitglieder des Netzwerkes, darunter der Landfrauenverband, der Landesbauernverband, der Landesheimatbund und der Landjugendverband folgten den Ausführungen und der kontroversen Diskussion sehr aufmerksam. Es muss sich in den nächsten Monaten zeigen, dass das neugegründete Netzwerk tatsächlich neue Impulse für die Entwicklung weiterer Bereiche Sachsen-Anhalts leisten kann.

Hintergrundgespräch mit Dr. Willy Boß, Geschäftsführer der Landgesellschaft Sachsen-Anhalt


Mit dem Aufbau des Netzwerkes Stadt-Land hat die Landgesellschaft ihr neuestes Projekt gestartet. Dem Beispiel anderer Bundesländer folgend soll eine Anlaufstelle entstehen, die sich ressortübergreifend mit der Entwicklung des ländlichen Raumes und seiner Städte und Gemeinden in Sachsen-Anhalt befasst. Die ersten Schritte sind getan.

Als „Informationszentrum, Kontaktstelle für Anregungen, Ideengeber für politische Handlungsfelder“ versteht sich das entstehende Netzwerk. Als „Beispiellieferant für Lösungswege, Sensor für sich anbahnende Entwicklungen und handlungsorientiertes Forum zum Meinungs- und Erfahrungsaustausch“. So stand es in der Einladung zum Auftakttreffen vor wenigen Wochen.

Zunächst aber zur Landgesellschaft selbst: 1992 wurde sie als gemeinnütziges Siedlungsunternehmen gegründet. Kurz gefasst engagiert sie sich dafür, dass die ländlichen Regionen Sachsen-Anhalts als Wohn-, Arbeits- und Lebensraum erhalten und gestärkt werden.

Seit Gründung der Landgesellschaft führt Dr. Willy Boß ihre Geschäfte. Der 66-Jährige erklärt, dass die Gesellschaft zudem 20.000 Hektar Grund und Boden verwalte, die dem Land gehören. „Damit sind wir führend im Land.“

Aus diesem Flächenpool hält die Gesellschaft zum Beispiel Gebiete für die Infrastrukturentwicklung des Landes vor, damit unter anderem Straßen und Brücken gebaut werden können. Die Konflikte mit Bauern und Umweltverbänden, die dabei häufig entstehen, versucht die Landgesellschaft zu lösen.

Seit kurzem nun gibt es nun das Netzwerk Stadt-Land – ein Projekt, um das sich die Landgesellschaft beim Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft und Energie beworben und den Zuschlag dafür erhalten hat.

Den großen Erfahrungsschatz nutzen

„Man muss sich das vorstellen wie eine große Akademie“, sagt der Geschäftsführer. „Wir haben dafür die unterschiedlichsten Partner gesucht: den Landesbauernverband, die Landjugend, Sozialverbände, wissenschaftliche Einrichtungen, Handwerksbetriebe, aber auch Heimatverbände – mit dem Ziel, deren Erfahrungen und Wissen zusammenzutragen und mit diesen Erkenntnissen neue Strukturen zu entwickeln.“

Weitere neue Partner seien noch immer herzlich willkommen, denn es gehe darum, nach Möglichkeit die Interessen aller Akteure zu berücksichtigen, deren Kräfte zu aktivieren und zu bündeln. „Nur wer sich aktiv einbringt, kann am Ende auch mitgestalten“, so der studierte Agraringenieur. „Ich glaube, dass wir etwas schaffen werden, das es bislang in Sachsen-Anhalt nicht gibt.“ Eine zentrale Institution, die den ländlichen Raum belebt, seine Eigenkräfte stärkt, Einkommens- genauso wie Wissensquellen erschließt.

Dabei ist das Netzwerk Stadt-Land nur eines von vielen Projekten, die die Landgesellschaft steuert. „An uns kann sich wirklich jeder wenden, wenn es um Fragen rund um die Landwirtschaft geht“, sagt Willy Boß und nennt als Beispiel das hochspezialisierte Ingenieurbüro, das die Landgesellschaft unterhält.

Ausgewiesene Experten für landwirtschaftliche Bauvorhaben wie den Bau von Kuh-, Schweine- und Hühnerställen oder Lagerhallen sind hier beschäftigt. Oft böten Baufirmen dafür ihre Komplettlösungen an, aber damit sei längst nicht gesagt, dass das auch die günstigste Lösung für das jeweilige Unternehmen sei. „Hier kommen wir ins Spiel mit unseren Spezialisten“, so Dr. Boß.

Ein weiteres aktuelles Projekt, das die enorme Leistungsbandbreite der Gesellschaft unterstreicht, trägt den Titel „LIFE VinEcoS“. Es entwickelt innovative, an den Klimawandel angepasste Methoden des Weinbaus.

„Das bedeutet nicht, dass wir den Weinanbau bei uns im Land jetzt nach Norden verlegen wollen, obwohl das theoretisch ginge“, erklärt der Geschäftsführer. „Sondern wir schauen zusammen mit wissenschaftlichen Einrichtungen, wie die Rebstöcke trockenheitsbeständiger werden können, welcher Bewuchs unter den Stöcken besonders passt und wie sich die Pflege durch Schafe auswirkt. Das ist hochspannend.“

Auch Konzepte zur Umsetzung der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie in Sachsen-Anhalt gehören zur täglichen Arbeit der Landgesellschaft. Wie können zum Beispiel Flüsse naturnah und unter Berücksichtigung des Hochwasserschutzes ausgebaut werden? „Dabei berücksichtigen wir natürlich auch die unterschiedlichen Interessen der Bauern und der Angler“, so Dr. Boß.

Wie diese Projekte mit dem Netzwerk Stadt-Land zusammenhängen? Die in den vergangenen Jahrzehnten in all diesen Projekten gesammelten Erfahrungen sollen dabei helfen, das neue Wissensnetzwerk aufzubauen. „In anderen Bundesländern gibt es so etwas schon lange. Bayern und Schleswig-Holstein haben für diesen Zweck tatsächlich eigene Akademien gegründet“, so Boß. Die „Bayerische Akademie Ländlicher Raum“ existiert sogar schon seit 1988. Die Landgesellschaft stehe mit ihren Plänen da noch ganz am Anfang, aber der zumindest ist gemacht.

Fördern, Kooperieren, Moderieren

Mitte August trafen sich alle Partner des Netzwerkes Stadt-Land – und die, die es noch werden wollen – in Wellen in der Hohen Börde zur Auftaktveranstaltung. Vorrangiges Thema: die Fachkräftegewinnung für den ländlichen Raum. Um den Ideen, die in solchen Zusammenkünften geboren werden, Leben einhauchen zu können, braucht es in der Regel Geld.

Auch hierfür fühlt sich die Landgesellschaft zuständig. Nicht in der Form, dass sie selbst die Mittel bereitstellt, sondern in Form von Fördermittelanträgen. „Die bürokratischen Hürden dafür sind in Deutschland schon sehr hoch, in der EU noch höher“, so der Geschäftsführer. „Damit muss man sich gut auskennen, sonst sind die Chancen gering, auch wirklich gefördert zu werden.“

Bis 2021 ist das Projekt Netzwerk Stadt-Land zunächst genehmigt – mit der Aussicht auf eine dauerhafte Einrichtung. Dr. Willy Boß sieht darin eine riesige Ideenbörse, wie unsere Zukunft in Sachsen-Anhalt im besten Fall aussehen könne. Es gehe keinesfalls darum, wissenschaftlichen Einrichtungen oder Unternehmen Konkurrenz zu machen, sondern jeder könne von jedem lernen und dafür brauche es einen Dialog. Die Landgesellschaft steht hierfür als Moderator des Austausches zwischen Kommunen, Verbänden, Bürgern sowie Wirtschaft und Wissenschaft bereit.

Hier stellen sich die Landgesellschaft und das Netzwerk Stadt-Land vor:

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